Ralf Georg Bogner – författare
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Die moderne Alltagskommunikation wird von einem komplexen Verhaltenskodex bestimmt: Kulturelle Standards wie das Verbot von Lüge, die Ablehnung von Verleumdung und Prahlerei, eine positive Haltung gegenüber guten Ratschlägen und die Wertschätzung des Schweigens in gewissen Situationen lenken die alltägliche Redepraxis. Diese und viele andere im heutigen Zusammenleben selbstverständlichen Normen und Werte für das Sprechen wurden von den theologischen Fachschriftstellern des Mittelalters theoretisch erarbeitet und seit dem 15. Jahrhundert über die verschiedenen zeitgenössischen Medien (Predigt, Lied, Flugblatt, Buch etc.) und nahezu alle literarischen Gattungen (Gedicht, Erzählung, Erbauungsbuch, Reisebericht, Enzyklopädie etc.) in die breite Bevölkerung getragen.
Die vorliegende Studie sichtet erstmals die fast unübersehbare Masse an literarischen Quellen zur "Bezähmung der Zunge" vom späten 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Texte werden aus der Perspektive der Zivilisationstheorie in ihrer Partizipation an der umfassenden Christianisierung Europas während der frühen Neuzeit analysiert und auf ihre spezifischen Strategien zur Vermittlung von Normen für das Sprechen hin untersucht. Nicht zuletzt wird einer der bekanntesten Texte der Barockliteratur, Andreas Gryphius'' erster "Reyen der Höflinge" aus dem Trauerspiel "Leo Armenius", unter Rückgriff auf Ansätze der Intertextualitätstheorie auf breiter Quellengrundlage neu interpretiert.
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Erstmals größere Verbreitung als Druckwerke finden Nachrufe im deutschsprachigen Raum mit dem Ableben zentraler Gestalten der Reformation. Im Folgenden bildet sich ein großes Spektrum an öffentlichen Reaktionen auf Trauerfälle aus, das von der Todesmeldung über die Leichenpredigt, das Epicedium und die nekrologische Ekloge bis hin zum Totengespräch reicht. Die unterschiedlichen Spielarten des Nachrufs passen sich immer wieder neuen sozialen, kulturellen, ideologischen und medialen Herausforderungen an. Auch greifen stets die traditionellen, von der Funeralrhetorik vorgegebenen Formen der Verbeugung vor einem Hingeschiedenen und aktuelle Gestaltungsinnovationen ineinander. Dabei ist die Gattung nicht bloß ein Forum für das Lob von Verstorbenen, sondern steht durchgängig im Dienste aller erdenklichen theologischen, politischen und ästhetischen Interessen. Die Ansicht, dass der Nachruf in der Regel der Maxime De mortuis nil nisi bene gehorche, erweist sich als Vorurteil. Tatsächlich ist die mittels unterschiedlicher Strategien "zwischen den Zeilen" versteckte Kritik am Toten ein konstitutiver Bestandteil der Texte. Nachrufe auf Schriftsteller schließlich (alle erhaltenen Nachrufe auf 16 exemplarische Schriftsteller werden in der Studie analysiert) weisen ein besonders hohes Maß an Selbstreflexivität auf und sind signifikante Zeugnisse für die Geschichte von Autorschaftskonzepten.
Autor im Nachruf
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Bezähmung der Zunge
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