Thomas Korber – författare
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Die deutsche Gegenwartsliteratur erledigte Rolf Dieter Brinkmann bekanntlich im Rundumschlag: "Andersch … lasch, und Walser, Enzensberger, Grass, Hildesheimer, Wellershoff, Richter gar nicht zu ertragen wie gar nicht der dumme humane Böll zu ertragen ist – sowas Abgestandenes ringsum, sowas Trübes". Arno Schmidt dagegen zählte Brinkmann stets zu den "großen Einzelnen (…), die ich las, kannte, liebte, die mich stärkten". Schon als Jugendlicher entdeckte er den Autor für sich. Seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla – man hatte gemeinsam die Buchhändlerlehre gemacht – berichtete er am 22. August 1964 von seiner neuesten Lektüre. "Köstlich amüsiere ich mich bei Arno Schmidts neuem Erzählungsband ''Kühe in Halbtrauer'', wenn das kein giftiger Kobold ist, ein Fliegenpilz in ''unsrem, Gottes eigenem Land''."
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Andersch und Bense sind also schon glühende Bewunderer Schmidts, bevor sie diesen am 18. August 1952 persönlich kennenlernen, und da Schmidt zu diesem Zeitpunkt erhebliche Probleme mit seinem Hausverlag Rowohlt hat, der mehrere seiner Skripte nicht drucken will, springen Andersch und Bense in die Bresche. In seiner Reihe "Studio Frankfurt" bringt Andersch kurzfristig den "Alexander" und die "Umsiedler" unter, später starten sowohl Andersch als auch Bense aus Enttäuschung über ihre Probleme, mit ihren Ideen in bestehenden Kulturzeitschriften durchzudringen, unabhängig voneinander eigene Zeitschriften, Bense den "Augenblick" und Andersch "Texte und Zeichen", worin regelmäßig Texte Schmidts zum Abdruck kommen, und in der Reihe der Beihefte zum "Augenblick" lanciert Bense zudem Schmidts "Kosmas" und schließlich sogar die umfangreiche Fouqué-Biografie. Ohne den Einsatz der beiden Förderer Andersch und Bense wäre Schmidt in den Jahren vom Zerwürfnis mit Rowohlt bis zur Verstetigung der Betreuung durch Ernst Krawehl und den Stahlberg-Verlag ohne publizistische und verlegerische Heimat geblieben.
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Das Zitat ist eine makabre Arabeske der bibliophilen Ansicht Rauchs und seiner Dialogpartner, dass Bucher, die gegenuber dem in der Realitat erstorbenen Dasein wirkliches Leben enthalten, dieses auch durch ihr Outfit zeigen sollten. "e;KASTELLAN (nickend: sollte getrost allgemein eingefuhrt werd'n)"e; (Julia 120). Inhaltlich fallen keine gravierenden Anderungen zur Vorlage auf, allerdings macht Schmidt aus dem "e;Criminalisten Carpzov"e; einen "e;Juristen"e;, vermutlich weil ihm diese Profession fur das entsprechende Gutachten angemessener erschien. In der abwegigen Komik, die Knochenreste und "e;Menschenhaute"e; nicht wegzuwerfen, sondern fur die Buchkunst wiederzuverwerten, konstatiert die Zitierkunst nicht nur das kulturgeschichtliche Faktum, dass das Verbrennen von Buchern dem Verbrennen von Menschen gleichzusetzen ist, sondern auch dass die verlorenen Bucher in den 'Verlassenschaften' von Menschen wiederkehren und wie ein 'Rosebusch' zum Bluhen gebracht werden konnen.
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In Arno Schmidts Nachlassbibliothek fand sich keine einzige der etwa 40 popularwissenschaftlichen Schriften Bolsches, sondern lediglich dessen dritter (und letzter) Roman "e;Die Mittagsgottin"e;, erschienen 1891. Man kann recht sicher davon ausgehen, dass Schmidt "e;Die Mittagsgottin"e; wahrend seiner Laubaner Zeit gelesen hat. Seine Wertschatzung des Werkes, die ihn spater dazu veranlasste, es - wahrscheinlich ausgabengleich - nachzukaufen, lasst sich schon aus der Bedeutung des Gorlitzer Bahnhofes erahnen, der im Roman mehrfach Erwahnung findet. In verschiedenen Au erungen zu Arno Schmidts Erzahlung "e;Dr. Mac Intosh: 'Piporakemes!'"e; wird die titelgebende Figur abwechselnd als Brite oder als Amerikaner vorgestellt. Zudem wird Dr. Mac Intosh bei allen Autoren lediglich als Anagramm Arno Schmidts angesehen. Es gab bisher keinen Versuch einer historischen Recherche, die hier nachzulesen ist.
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Dagegen bewegen sich Schmidts Madchenfiguren, wie z.B. die Franziska oder die Tausendeins, als Spielerinnen auf einem viel breiteren Experimentierfeld der Geschlechterverhaltnisse. Wahrend Stifters Juliana als anfangs nur naturverbundenes Madchen mit einer sich allmahlich entfaltenden Sprach- und Ausdrucksfahigkeit dargestellt wird, die erst am Ende ihres Akkulturationsprozesses steht, erscheinen Schmidts junge Frauen, insbesondere die "e;1001"e;, als bereits 'fertige', sprachlich von Anfang an vielschichtigere, aber dadurch oft umso ratselhaftere Figuren, die aber auch noch Zuge eines 'wilden Madchens' tragen. Stifters Zeichnung der Juliana-Figur zeigt Entwicklung und Veranderung und symbolisiert Stifters Idee einer harmonischen Verbindung zwischen Natur und Kultur, und gehorcht seiner Poetik vom "e;sanften Gesetz"e;. Stifters ruhig-harmonischer Personendarstellung steht Schmidts manchmal surreale Figurenzeichnung gegenuber: Die Auerungen der "e;1001"e; sind von einer bewussten Kunstlichkeit gepragt. Schmidt setzt auf Wortspiele und intertextuelle Bezuge, wodurch die Sprache seiner Madchen oft distanziert und undurchschaubar wirkt.
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Am 19. August 1952 fahrt Arno Schmidt mit seiner Frau Alice zum zweiten Mal nach Stuttgart. Obwohl schon 38 Jahre alt, nennt ihn der 13 Jahre jungere Martin Walser noch einen "e;jungen Autor"e;. Eingeladen hat ihn Walser, frisch promoviert, damals freier Mitarbeiter des Suddeutschen Rundfunks. Ein erstes Treffen kam nicht zustande, obwohl Schmidt in Stuttgart war. Schmidt wird heftig ersehnt und zugleich kommt er mit der Hoffnung auf (dringend benotigte) Publikationsmoglichkeiten und - Spesen. "e;Sie sollen aber nach Stuttgart kommen. Es muss etwas gefunden werden, das Sie hierherlockt"e;, schreibt ihm Martin Walser. "e;'Die Tagung?' Eine Horspielbearbeitung von 'Gadir'? (Liegt ubrigens fertig vor. Hoffentlich hab ich's recht gemacht!) Eine Bandaufnahme: Diskussion uber Arno Schmidt? (Liegt auch schon vor!) Was also, um alles in der Welt, kann Sie nach Stuttgart locken? Die Spesen! Das ware etwas. Max Bense? Auch eine Lockung. Er halt Ihre Bucher mit ausgestreckten Handen weit uberm Kopf und sieht zuweilen - er der ganz Freie und Sprode - andachtig hinauf. Also vielleicht Max Bense"e;, schreibt ihm Martin Walser. Max Bense wird es vermutlich nicht gewesen sein, der ihn gelockt hat, sondern die "e;Spesen"e; und eine Lesung im Rundfunk, aufgenommen am 19.8.1952.
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Die wichtigsten Quellen des leviathanischen Weltbildes, mit dem Arno Schmidt 1949 ins Licht der literarischen Offentlichkeit trat, lassen sich nach bisherigem Kenntnisstand wie folgt zusammenstellen: Physikalisch-kosmologische Inhalte sind bis in Schmidts Schulzeit zuruckzuverfolgen, wo er Teilnehmer der philosophischen Arbeitsgemeinschaft des Mathematiklehrers Willy Hasenfelder war und an die bahnbrechenden Theoreme Einsteins herangefuhrt wurde. Ein ahnlich wirkmachtiger, freilich alterer Hintergrund bestand fur biologische Wissensbestande in Form des Darwin'schen Theoriengebaudes, das wahrend Schmidts Schulzeit nicht nur weithin akzeptiert, sondern langst zum inhaltlich modernisierten Neodarwinismus fortgeschritten war. Einigermaen selbstverstandlich kannte Schmidt den Namen des beruhmtesten deutschen Darwin-Propagators Ernst Haeckel, der zwar seit 1919 nicht mehr unter den Lebenden weilte, in popularwissenschaftlichen Texten jedoch prasent blieb. Zu den fleiigsten Haeckelismen-Verbreitern zahlte unter anderem Wilhelm Bolsche - Schmidt las mit Naturgeheimnis mindestens eines der besagten Bolsche-Werke, wahrscheinlich aber noch mehr.
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Texte von Hans Wollschläger - gegenwartsbezogen, politisch hellwach und außerordentlich unterhaltsam.Hans Wollschläger war sein ganzes Leben lang Kulturkritiker und wie bei seinen großen Vorbildern Friedrich Nietzsche und Karl Kraus sind seine nur vordergründig unzeitgemäßen Betrachtungen immer gegenwartsbezogen, politisch hellwach und außerordentlich unterhaltsam.Der Band enthält den umfangreichsten Text aus dem Nachlass zusammen mit der letzten, in der "Schriften"-Reihe noch fehlenden Buchveröffentlichung des Autors."In diesen geistfernen Zeiten" erschien erstmals 1986 als Sammlung durchaus unterschiedlicher Texte, die der Musiker Wollschläger als "Konzertante Noten zur Lage der Dichter und Denker für denen Volk" untertitelte. Es handelte sich hierbei um kulturkritische und auch polemische Einschätzungen zur Situation der Schriftsteller und Übersetzer, die Wollschläger im Titel- und Herzstück des Bandes, der Rede zum Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von 1976 eloquent ausführte.Die seit den 80er Jahren verfassten Notate, Glossen und kleineren Essays, die Wollschläger neben den Tagebüchern führte und die von ihm in der Nachfolge Lichtenbergs "Sudelbücher" genannt wurden, sah er selbst als Fortsetzung und Weiterführung der Texte der 70er und frühen 80er Jahre. Insofern bietet der Band auch eine kulturkritische Darstellung aus über 30 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte.
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Texte von Hans Wollschläger - gegenwartsbezogen, politisch hellwach und außerordentlich unterhaltsam.Hans Wollschläger war sein ganzes Leben lang Kulturkritiker und wie bei seinen großen Vorbildern Friedrich Nietzsche und Karl Kraus sind seine nur vordergründig unzeitgemäßen Betrachtungen immer gegenwartsbezogen, politisch hellwach und außerordentlich unterhaltsam.Der Band enthält den umfangreichsten Text aus dem Nachlass zusammen mit der letzten, in der "Schriften"-Reihe noch fehlenden Buchveröffentlichung des Autors."In diesen geistfernen Zeiten" erschien erstmals 1986 als Sammlung durchaus unterschiedlicher Texte, die der Musiker Wollschläger als "Konzertante Noten zur Lage der Dichter und Denker für denen Volk" untertitelte. Es handelte sich hierbei um kulturkritische und auch polemische Einschätzungen zur Situation der Schriftsteller und Übersetzer, die Wollschläger im Titel- und Herzstück des Bandes, der Rede zum Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von 1976 eloquent ausführte.Die seit den 80er Jahren verfassten Notate, Glossen und kleineren Essays, die Wollschläger neben den Tagebüchern führte und die von ihm in der Nachfolge Lichtenbergs "Sudelbücher" genannt wurden, sah er selbst als Fortsetzung und Weiterführung der Texte der 70er und frühen 80er Jahre. Insofern bietet der Band auch eine kulturkritische Darstellung aus über 30 Jahren bundesrepublikanischer Geschichte.
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PDF, Tyska, 2024209 kr
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Schmidt war nicht der Erste, der wenigstens in seiner Fantasie den besiedelten Arealen des Planeten entkommen wollte. Daniel Defoe beschrieb die Isolation seines Robinson als Schicksal, Johann Gottfried Schnabel schuf mit seiner Insel Felsenburg einen Fluchtpol, Jonathan Swift beschrieb Gullivers Reisen als immer wieder neu gesuchte Abenteuer in satirischen Spiegelungen der realen Lebenswelt, Jules Verne schließlich wies neue Wege im Ballon, im Unterseeboot, auf einer künstlichen schwimmenden Insel, wobei technischer Optimismus und neue Formen der Absonderung glückliche Verbindungen eingingen. Sie alle (und noch einige mehr) waren Schmidt willkommene Begleiter auf seinen Gedankenfluchten. Swifts fliegende Insel Laputa war keine Lösung für Gulliver, wäre auch keine für Schmidt, gab allerdings dem auf der Erdoberfläche Gebannten eine weitere Richtung der Absonderung vor: nach oben. Schmidt beschrieb schon früh (1941 in der Schreibstube der Kaserne in Hagenau) einen ähnlichen, bescheideneren, dafür solide auf Pfählen gebauten Fluchtraum. Im "Haus in der Holetschkagasse" befragt Öflin einen weltallreisenden Elementargeist danach, wie er die Erde vorfand bei früheren Reisen.
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Die Beiträge der Bargfelder Boten gelten der "Dechiffrierung" des schwierigen Werks und der nicht minder komplizierten Person Arno Schmidts. Die Hefte bieten seit 50 Jahren Materialien zu Werk und Leben des Autors: Interpretierende Aufsätze, kritische Essays, Glossen, Rezensionen, Fotos und Bibliografien dokumentieren kontinuierlich den Stand der Schmidt-Philologie.Umfangreiche Sonderlieferungen des "Bargfelder Boten" in Buchform ergänzen und vertiefen die Beiträge der Zeitschrift "Bargfelder Bote": Handbücher und Glossare, Quellen- und Stellenkommentare, literaturwissenschaftliche und literaturtheoretische Untersuchungen. Zum Teil bebilderte Werke laden zu Spaziergängen an den Orten von Schmidts Jugend ein, annotierende Kommentare entschlüsseln auch abgelegenste Zitate in den großen Romanen, polemische Überlegungen zum politischen Standort Arno Schmidts stehen neben Untersuchungen zu seinem psychosozialen Habitus der Selbstinszenierung und neben Analysen seines Sprachstils.
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Die Beiträge der Bargfelder Boten gelten der "Dechiffrierung" des schwierigen Werks und der nicht minder komplizierten Person Arno Schmidts. Die Hefte bieten seit 50 Jahren Materialien zu Werk und Leben des Autors: Interpretierende Aufsätze, kritische Essays, Glossen, Rezensionen, Fotos und Bibliografien dokumentieren kontinuierlich den Stand der Schmidt-Philologie.Umfangreiche Sonderlieferungen des "Bargfelder Boten" in Buchform ergänzen und vertiefen die Beiträge der Zeitschrift "Bargfelder Bote": Handbücher und Glossare, Quellen- und Stellenkommentare, literaturwissenschaftliche und literaturtheoretische Untersuchungen. Zum Teil bebilderte Werke laden zu Spaziergängen an den Orten von Schmidts Jugend ein, annotierende Kommentare entschlüsseln auch abgelegenste Zitate in den großen Romanen, polemische Überlegungen zum politischen Standort Arno Schmidts stehen neben Untersuchungen zu seinem psychosozialen Habitus der Selbstinszenierung und neben Analysen seines Sprachstils.