U. Rosenzweig - Böcker
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I. Geschichtliche Voraussetzungen und Fragestellungen "Der Stern der Erlösung" ist ein Beispiel für die Neuorientierung des Denkens in der Zeit um den ersten Weltkrieg, die Suche nach einem Weg aus der Krise der europäischen Kultur. Es ist deshalb für das Verständnis wichtig, sich die Probleme zu verdeutlichen, die Rosenzweig zu seinem neuen Denken herausgefordert haben. Dabei lassen sich drei Ebenen der Fragestellung unterscheiden, eine historische, eine philosophische und eine theologische. Die Situation für den Historiker Als Historiker hatte sich Rosenzweig mit der Frage zu befassen, ob und wie es für den in die geschichtlichen \Vandlungen ver strickten Menschen allgemein gültige Wahrheit geben könne. Die Schwierigkeit, verbindliche Wahrheit in der Geschichte zu finden, war im neuzeitlichen Denken umso deutlicher geworden, je weniger von der geschichtlichen Bedingtheit aller Vorstellungen und Erkenntnisse einer Zeit abgesehen werden konnte. Das christliche Denken hatte für die Abfolge der verschiedenen . Epochen und ihr Verhältnis zur Wahrheit ein heilsgeschichtliches Schema geschaffen: wie dem Äon des "Neuen Testaments" gegenüber dem des "Alten Testaments" so eigne jedem neuen Weltzeit alter als einer neuen Offenbarungsstufe ein tieferes Ver hältnis zur Wahrheit als dem früheren; die Gegenwart sei jeweils überwindung der Vergangenheit. Trotz der Säkularisierung diente dieselbe Denkstruktur auch noch dem Selbstverständnis der Auf klärung, schien doch in ihr mit der Entdeckung des Menschen als eines wahrhaft freien Wesens ein absolutes Ziel erreicht, eine neue Zeit der Wahrheit, die bei allem weiteren Fortschritt nicht mehr x EINFÜHRUNG grundsätzlich überwunden werden könne.
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Das Erscheinen der Gesammelten Schriften Franz Rosenzweigs stellt ein Ereignis von besonderem geistigen Rang dar. Denn es ist ganz unbestritten, daß Franz Rosenzweig zu den bedeutend sten jüdischen Denkern unseres Jahrhunderts gehört, ja, daß er vermutlich sogar weit über unsere Epoche hinaus von Bedeutung sein wird. E. Levinas hat Rosenzweig nicht zu Unrecht Gestalten wie Blaise Pascal und Sören Kierkegaard an die Seite gestellt!. Gleichwohl ist das Werk Rosenzweigs bis jetzt nur schwer zu gänglich gewesen. Und zwar nicht nur aus den Gründen, derent wegen auch sonst ein Werk, das Entscheidendes zu sagen hat, seine Zeit braucht, bis es zugänglich wird, sondern auch deshalb, weil sich dem Schicksal des Werkes Rosenzweigs die leidvollen Spuren der jüdischen Emigration deutlich eingegraben haben. Franz Rosenzweig starb 42-jährig im Dezember 1929, drei Jahre vor dem Ausbruch der braunen Diktatur. Edith Rosen zweig, seine Gattin, konnte zwar 1935 und 1937 noch die Kleine ren Schriften und eine Auswahl aus Rosenzweigs Briefen ver öffentlichen. Die beiden Bände gehören zu den wenigen umfang reicheren von Juden verfaßten Büchern, deren Druck in jenen Jahren möglich war. An weitere Veröffentlichungen war damals aber nicht zu denken.
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ZU "HEGEL UND DER STAAT" Der erste, der das Leben Hegels schrieb, war der Konigsberger Professor Karl Rosenkranz. Sein Buch erschien 1844. Der Verfasser hatte Hegel noch seIber gekannt. Unter den person lichen treuge- bliebenen Schiilern ist er einer der freieren; ohne daB er seinen Anschauungen nach gerade der Hegelschen Linken zuzurechnen ware, ist ihm doch manches mit ihr gemein; nicht bloB eine gewisse Selbstandigkeit gegeniiber der Systematik des Meisters, sondern mehr noch eine eigentiimliche Zersplitterung und Beweglichkeit des Empfindens, ein unruhig stoffsiichtiges Hineingreifen in die Schatze der Zeit und Vergangenheit, ein starker Hang endlich zum geist- reichen Widersinn stell en den Verfasser der "Asthetik des HaBlichen" fast eher in die Reihe der StrauB, Bauer, Feuerbach als zu den Marheineke, Gabler und Henning. Sein Hegelbuch zeigt von diesen Eigenschaften verhaltnismaBig wenig; sie sind da zuriickge- drangt durch die fromme Achtung des Schiilers gegen den toten Meister und wohl auch durch den Ernst des BewuBtseins, sozusagen im amtlichen Auf trag der Schule zu schreiben: die Lebensgeschichte trat an die Offentlichkeit als Erganzungsband zu den Werken.Auch die Menge handschriftlichen Stoffes, die das Buch im Abdruck oder Auszug brachte, tat das ihre, dem Verfasser den Ratim fiir seine eigenen Fliige einzuengen. Immerhin wird der Leser des noch heute unentbehrlichen und urn seiner ausgepragten und zeitcharakteristi- schen Eigenart willen wohl nie ganz iiberftiissig zu machenden Buchs noch genug wunderbare Einfalle darin finden.
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(nach Berichten von Martin Buber) "Aus den Anfangen unsrer Schriftiibertragung", so iiberschrieb Martin Buber seinen ersten Bericht, den Bericht iiber die Prinzipien, die ihn und Rosenzweig leiteten, iiber die Arbeitsweise bei der Schriftiibertragung und iiber die wachsende gegenseitige Befruchtung im Verstehen und im Verstandlichmachen der Schrift. Dieser Bericht, der in der Rosenzweig-Gedenknummer der Zeitschrift "Der Orden Bne Briss" (Berlin, Marz 1930) dreieinhalb Monate nach Rosenzweigs Tod erschienen ist und in dem Aufsatzband "Martin Buber und Franz Rosenzweig, Die Schrift und ihre Verdeutschung" (Verlag Schocken, Berlin 1936) fast unverandert abgedruckt wurde, ist noch ganzund gar von dem unmittelbaren Erleben - dem menschlichen der 1 Zusammenarbeit wie dem sachlichen der Schrifterhellung-gepragt : " ...AIs 1923 Franz Rosenzweig, mit der Ubertragung von Gedich- ten lehuda Halevis beschaftigt, sich haufig an mich um Rat wandte, und wir bald dazu gelangten, an der Hand der jeweiligen Beispiele miteinander die Problematik des Ubersetzens iiberhaupt und die Probleme der iibersetzerischen Aufgabe zu erartern, ergaben sich uns unmerklich, zuerst nur als der zuweilen erleuchtete, meist dammrige Hintergrund unsres Gesprachs, dann aber immer gebieterischer als seine magnetische Mitte, die Fragen: 1st die Schrift iibersetzbar? 1st sie schon wirklich iibersetzt? Was bleibt noch zu tun? wenig? viel? das Entscheidende? ...
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ZU "HEGEL UND DER STAAT" Der erste, der das Leben Hegels schrieb, war der Konigsberger Professor Karl Rosenkranz. Sein Buch erschien 1844. Der Verfasser hatte Hegel noch seIber gekannt. Unter den person lichen treuge- bliebenen Schiilern ist er einer der freieren; ohne daB er seinen Anschauungen nach gerade der Hegelschen Linken zuzurechnen ware, ist ihm doch manches mit ihr gemein; nicht bloB eine gewisse Selbstandigkeit gegeniiber der Systematik des Meisters, sondern mehr noch eine eigentiimliche Zersplitterung und Beweglichkeit des Empfindens, ein unruhig stoffsiichtiges Hineingreifen in die Schatze der Zeit und Vergangenheit, ein starker Hang endlich zum geist- reichen Widersinn stell en den Verfasser der "Asthetik des HaBlichen" fast eher in die Reihe der StrauB, Bauer, Feuerbach als zu den Marheineke, Gabler und Henning. Sein Hegelbuch zeigt von diesen Eigenschaften verhaltnismaBig wenig; sie sind da zuriickge- drangt durch die fromme Achtung des Schiilers gegen den toten Meister und wohl auch durch den Ernst des BewuBtseins, sozusagen im amtlichen Auf trag der Schule zu schreiben: die Lebensgeschichte trat an die Offentlichkeit als Erganzungsband zu den Werken.Auch die Menge handschriftlichen Stoffes, die das Buch im Abdruck oder Auszug brachte, tat das ihre, dem Verfasser den Ratim fiir seine eigenen Fliige einzuengen. Immerhin wird der Leser des noch heute unentbehrlichen und urn seiner ausgepragten und zeitcharakteristi- schen Eigenart willen wohl nie ganz iiberftiissig zu machenden Buchs noch genug wunderbare Einfalle darin finden.
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(nach Berichten von Martin Buber) "Aus den Anfangen unsrer Schriftiibertragung", so iiberschrieb Martin Buber seinen ersten Bericht, den Bericht iiber die Prinzipien, die ihn und Rosenzweig leiteten, iiber die Arbeitsweise bei der Schriftiibertragung und iiber die wachsende gegenseitige Befruchtung im Verstehen und im Verstandlichmachen der Schrift. Dieser Bericht, der in der Rosenzweig-Gedenknummer der Zeitschrift "Der Orden Bne Briss" (Berlin, Marz 1930) dreieinhalb Monate nach Rosenzweigs Tod erschienen ist und in dem Aufsatzband "Martin Buber und Franz Rosenzweig, Die Schrift und ihre Verdeutschung" (Verlag Schocken, Berlin 1936) fast unverandert abgedruckt wurde, ist noch ganzund gar von dem unmittelbaren Erleben - dem menschlichen der 1 Zusammenarbeit wie dem sachlichen der Schrifterhellung-gepragt : " ...AIs 1923 Franz Rosenzweig, mit der Ubertragung von Gedich- ten lehuda Halevis beschaftigt, sich haufig an mich um Rat wandte, und wir bald dazu gelangten, an der Hand der jeweiligen Beispiele miteinander die Problematik des Ubersetzens iiberhaupt und die Probleme der iibersetzerischen Aufgabe zu erartern, ergaben sich uns unmerklich, zuerst nur als der zuweilen erleuchtete, meist dammrige Hintergrund unsres Gesprachs, dann aber immer gebieterischer als seine magnetische Mitte, die Fragen: 1st die Schrift iibersetzbar? 1st sie schon wirklich iibersetzt? Was bleibt noch zu tun? wenig? viel? das Entscheidende? ...
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Das Erscheinen der Gesammelten Schriften Franz Rosenzweigs stellt ein Ereignis von besonderem geistigen Rang dar. Denn es ist ganz unbestritten, daß Franz Rosenzweig zu den bedeutend sten jüdischen Denkern unseres Jahrhunderts gehört, ja, daß er vermutlich sogar weit über unsere Epoche hinaus von Bedeutung sein wird. E. Levinas hat Rosenzweig nicht zu Unrecht Gestalten wie Blaise Pascal und Sören Kierkegaard an die Seite gestellt!. Gleichwohl ist das Werk Rosenzweigs bis jetzt nur schwer zu gänglich gewesen. Und zwar nicht nur aus den Gründen, derent wegen auch sonst ein Werk, das Entscheidendes zu sagen hat, seine Zeit braucht, bis es zugänglich wird, sondern auch deshalb, weil sich dem Schicksal des Werkes Rosenzweigs die leidvollen Spuren der jüdischen Emigration deutlich eingegraben haben. Franz Rosenzweig starb 42-jährig im Dezember 1929, drei Jahre vor dem Ausbruch der braunen Diktatur. Edith Rosen zweig, seine Gattin, konnte zwar 1935 und 1937 noch die Kleine ren Schriften und eine Auswahl aus Rosenzweigs Briefen ver öffentlichen. Die beiden Bände gehören zu den wenigen umfang reicheren von Juden verfaßten Büchern, deren Druck in jenen Jahren möglich war. An weitere Veröffentlichungen war damals aber nicht zu denken.
2 471 kr
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I. Geschichtliche Voraussetzungen und Fragestellungen "Der Stern der Erlösung" ist ein Beispiel für die Neuorientierung des Denkens in der Zeit um den ersten Weltkrieg, die Suche nach einem Weg aus der Krise der europäischen Kultur. Es ist deshalb für das Verständnis wichtig, sich die Probleme zu verdeutlichen, die Rosenzweig zu seinem neuen Denken herausgefordert haben. Dabei lassen sich drei Ebenen der Fragestellung unterscheiden, eine historische, eine philosophische und eine theologische. Die Situation für den Historiker Als Historiker hatte sich Rosenzweig mit der Frage zu befassen, ob und wie es für den in die geschichtlichen \Vandlungen ver strickten Menschen allgemein gültige Wahrheit geben könne. Die Schwierigkeit, verbindliche Wahrheit in der Geschichte zu finden, war im neuzeitlichen Denken umso deutlicher geworden, je weniger von der geschichtlichen Bedingtheit aller Vorstellungen und Erkenntnisse einer Zeit abgesehen werden konnte. Das christliche Denken hatte für die Abfolge der verschiedenen . Epochen und ihr Verhältnis zur Wahrheit ein heilsgeschichtliches Schema geschaffen: wie dem Äon des "Neuen Testaments" gegenüber dem des "Alten Testaments" so eigne jedem neuen Weltzeit alter als einer neuen Offenbarungsstufe ein tieferes Ver hältnis zur Wahrheit als dem früheren; die Gegenwart sei jeweils überwindung der Vergangenheit. Trotz der Säkularisierung diente dieselbe Denkstruktur auch noch dem Selbstverständnis der Auf klärung, schien doch in ihr mit der Entdeckung des Menschen als eines wahrhaft freien Wesens ein absolutes Ziel erreicht, eine neue Zeit der Wahrheit, die bei allem weiteren Fortschritt nicht mehr x EINFÜHRUNG grundsätzlich überwunden werden könne.