Michael Dellwing – författare
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Krankheitskonstruktionen und Krankheitstreiberei
Die Renaissance der soziologischen Psychiatriekritik
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Krankheitskonstruktionen und Krankheitstreiberei
Die Renaissance der soziologischen Psychiatriekritik
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Die Psychiatrie gehörte einmal zu den prominentesten Zielen soziologischer Kritik: Die Subjektivierung und Verkörperlichung von Interaktionsproblemen als objektive „Krankheitszustände“ konnte aussoziologischer Perspektive lange nur als simplistische Verkürzungkomplexer sozialer Prozesse auffallen. Inzwischen sind aus den USA zunehmend kritische Stellungnahmen innerhalb der Psychiatrie aufgekommen. Im vorliegenden Band suchen prominente internationale Diskussionsteilnehmer aus Soziologie, Psychologie und Psychiatrie Auswege aus der biomedizinischen Vereinfachung komplexer sozialer Probleme und Konflikte.
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Wie leisten Menschen Ordnung in Beziehungen? Wie gewinnt "Dreck" soziale Bedeutung? Von Totengräbern in Siebenbürgen zu lap-dancern in den USA haben sich die Beiträge einer "geerdeten Soziologie" verschrieben, die den Alltag neugierig betrachtet, um seine verborgenen lokalen Ordnungsleistungen zu entdecken. Der "Alltag" wird dabei nicht als abgetrennte Sektion der Welt beschrieben: Es steht nicht "Alltag" gegen "Ausnahme". "Alltag" ist vielmehr ein Zugriff zur Perspektivenänderung, die eine Orientierung zur konstanten Leistung von Bedeutung in einem pluralistischen, "dicht bevölkerten" Universum herstellt. Dieser Band bietet eine lebensweltliche, ethnografisch orientierte und interpretative Soziologie, die die Welt verrätselt und enträtselt, indem sie einen Einblick in die "Matrix" dieser Welt an einem bestimmten ihrer Knotenpunkte zeigt: Alltäglichkeiten sind von ihr als aufwändige und kreative Leistungen zu erkennen, die alles andere als "natürlich" oder "selbstverständlich" sind.
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Die vorliegenden Texte nehmen Bezug auf die grundlegenden Arbeiten Howard S. Beckers, Herbert Blumers und Stanley Fishs, deren Ansätze in erster Linie die lokale Kategorisierung im interaktiven Raum zwischen in konkreten Situationen handelnden Menschen betonen.
Sowohl die interaktionistische Devianzsoziologie als auch der Rechtspragmatismus haben in diesem Sinne lange gegen die Position opponiert, Abweichung bzw. Kriminalität wären bereits im Vergleich von Verhalten mit sozialen bzw. rechtlichen Normen abstrakt bestimmbar. Das hat sie dazu bewogen, nicht Kategorien und ihre Erfüllung zu untersuchen, sondern die Prozesse, in denen solche Bestimmungen lokal geleistet werden: An die Stelle einer Erforschung rechtlicher oder sozialer Normen oder Ordnung haben sie eine Erforschung menschlicher Definitionsaktivität in Interaktionssituationen gesetzt. Sowohl devianzinteraktionistische als auch rechtspragmatistische Ansätze nehmen diese Aktivität und ihre Lokalität ernst: Lebensweltlich ausgehandelte, kontextuale und veränderliche Kategorisierungen, nicht irgendwelche wissenschaftlich-abstrakten Kategorien, sind die einzigen praktisch realen Ordnungen, die wir vorweisen können.
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Als „zentrales Nervensystem des 21. Jahrhunderts“ (Doctorow 2017) ist das Internet heute so tief in die Gegenwartswelt und ihre Alltagspraktiken eingewoben, dass es schwierig wäre, ein sozialwissenschaftliches Forschungsfeld zu identifizieren, das digitale Kulturen noch ignorieren könnte.
Ethnografie steht bereits im Zentrum der Untersuchung von Online-Kontexten. Ihren Kern macht die Orientierung an Deutungen aus, wie sie unter den Beteiligten tatsächlich verwendet werden. Da Deutungen kontextabhängig sind, besteht die Ethnografie darauf, dass die Deutungen der Beteiligten nur in ihrem Herkunftsumfeld erforscht werden können. Sie hat hierfür den Begriff der „naturalistischen Forschung“ entwickelt. Diese Fokussierung der Ethnografie auf Innendeutungen erfasst dabei auch die Methode: Die Ethnografie war immer von Anpassung, Flexibilität und Bescheidenheit geprägt, die im Zweifel Vorrang vor mitgebrachten methodischen Regeln haben. Eine „neue“ Ethnografie für die Onlineforschung ist daher nicht notwendig. Die Wahl der Forschungswege orientiert sich regulär an den Arten tatsächlicher Interaktion im Feld.Ein „digitaler Naturalismus“, der diese Orientierung in die Onlineforschung bringt, kann vermeiden, dass verbreitete Außendeutungen, die ein Verständnis digitaler Kulturen regulär häufig eher behindern, über methodische Umwege zurück in die Forschung gelangen.
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