Vorurteile: Daran scheiden sich die Geister. Die Aufklarer verdammten sie, die Gegenaufklarer empfahlen sie der Verehrung. Nachdenken uber Vorurteile stellt die Argumente beider Seiten auf die Probe. Das Ergebnis bedeutet einen Gewinn an Differenzierung. Vorurteile konnen wahr oder falsch, gescheit oder dumm, weise oder toricht, positiv oder negativ, gut oder schlecht, rassistisch oder humanistisch sein, sie sind jeweils dies oder jenes anderer Eigenschaften halber als der, dass es sich bei ihnen um Vorurteile handelt. Der Fortschritt ist seit der Aufklarung wesentlich verstanden worden als ein Vorgang, in welchem der menschliche Geist alle Vorurteile ausmerzt. dass dieser Kampf nicht erfolgreich gewesen ist, muss man wohl einraumen; doch ist dies kein Einwand. Vorurteile sind keine Spezialitat von Rassisten. Vielmehr haben Vorurteile ihren unverzichtbaren Platz im Kopf eines jeden. Deshalb sind rassistische Vorurteile auch nicht zuruckzuweisen, weil sie Vorurteile, sondern weil sie rassistisch sind. Der Vorwurf des Vorurteils ist in solchen Fallen nur darum so beliebt, weil er scheinbar erlaubt, statt sich mit einem Wust moralischer Probleme auseinanderzusetzen, eine Ruge ob mangelnder Einsicht zu erteilen: der Betreffende hat einfach vorschnell geurteilt. Ihrer bewundernswerten Okonomie zum Trotz geht diese Rechnung nicht auf. Sie spielt vielmehr Erscheinungen wie etwa Rassismus herunter. Wenn es sich bei diesem um einen Fall von Vorurteil handelt, so hat er das mit einer Unzahl harmloser, ja selbst vernunftiger Haltungen gemein. Wer an jenen Erscheinungen Kritik uben will, kommt, so die Schlu folgerung, nicht daran vorbei, moralisch Stellung zu beziehen.