Eine Videoaufnahme eines Gesprachs mit Mirjam Schaub, Veranstaltungshinweise und erganzende Informationen finden Sie unter meiner.de/radikalitaet. Schillernd und fremd, lasst sich Radikalitat zu allen Zeiten und in allen Kulturen mit ihrem Hang zum Unbedingten beobachten. Fast immer wirkt sie ansto ig und beschamend, wenn auch in Philosophie und Kunst seltener als in Religion, Politik, Gesellschaft. Attraktiv bleibt sie, weil sie etwas Essentielles verspricht: die Schlie ung des mitunter feinen Risses zwischen Theorie und Praxis, als Versprechen der eigenen Unerpressbarkeit. Diesem Riss und seinen unerhorten Auswirkungen geht der erste Band von Mirjam Schaubs gro em kulturphilosophischem Entwurf nach. Das Buch entfuhrt in die griechische Antike, als ein Theoretiker noch ein fahrender Kulturbotschafter im Mittelmeerraum und eben kein Philosoph ist. Es fragt nach dem Selbstmord des Sokrates und warum dessen Radikalitat zugleich eine Wunde schlagt, die Aristoteles meint heilen zu mussen. Um Nachahmung zu unterbinden und zugleich der Philosophie eine Zukunft zu eroffnen, erfindet Aristoteles die Theorie-Praxis-Lucke, indem er Idee und Tat ein Stuck weit auseinanderruckt. Diogenes von Sinope aber rebelliert mit drastischen Mitteln gegen diesen heilsamen Schachzug. Er stiftet soziale Unruhe, sorgt fur helle Emporung, indem er hedonistische wie asketische Praktiken in aller Offentlichkeit propagiert. Unfahig, dieses grelle Und aus Askese und Hedonismus auszuhalten, zersplittert das radikale, kynische Erbe und teilt sich, folgt man Michel Foucault, auf in Karneval, Monchtum und Kunst. Diesem Vorschlag geht das Buch nach. In Venedig eroffnet sich mit der ersten europaischen Pest ab 1348 der Gebrauch einer anonymisierenden Maske: Wer seine Komplizen nicht kennt, kann niemanden verraten. Eine solch selbstironische Teilzeitradikalitat setzt auf Selbstdistanzierung, unpersonliche Formen der Interaktion und auf ein Vertrauen, das absichtlich blind ist.