Was haben Unendlichkeit, Zahlenverhältnisse und die Ordnung der Natur mit der Frage nach Gott zu tun? Für viele Denker der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren Mathematik und Theologie eng aufeinander bezogen. Zahlen galten nicht nur als Gegenstand mathematischer Erkenntnis, sondern auch als Schlüssel zum Verständnis der Welt und ihres Ursprungs. Diese Verbindung prägte über Jahrhunderte hinweg das gelehrte Denken – vom antiken Zahlendenken mitten hinein in das mittelalterliche Quadrivium mit Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, das dem Theologiestudium vorgeschaltet war. Auch die Beweise der Existenz Gottes gehen auf diese enge Verbindung zurück, die bis heute nachwirkt, aber außerhalb von Fachkreisen oft in Vergessenheit geraten ist. Doch auch wenn sich die Wege von Mathematik und Theologie in der klassischen Moderne trennten, so warfen Schlüsselfiguren der modernen mathematischen und physikalischen Welterklärung wie Einstein und Gödel die alten Fragen nach Ordnung, Rationalität und den Grenzen des Beweisbaren immer wieder neu auf. Das vorliegende Lesebuch macht mit seiner historischen Perspektive die ehemals enge Verbindung zwischen den beiden Disziplinen wieder neu zugänglich. Es versammelt zentrale Quellentexte von der Antike bis ins 20. Jahrhundert – überwiegend in neuen Übersetzungen – und erschließt sie durch Einleitungen, Kommentare und Literaturhinweise.