Spatestens seit dem 19. Jahrhundert bildete die Welt eine okonomische Einheit. Bestimmt durch die Erfordernisse der Kapitalakkumulation - Expansion, Wachstum, Verwandlung von Bedurfnissen in Waren -, brachte diese stets neue Formen von regionaler und sozialer Ungleichheit hervor. Von einer Zunahme der globalen Verflechtung, die um die Jahrtausendwende ihren Hohepunkt erreichte, kann Mitte der 2020er-Jahre keine Rede mehr sein. Dieses Buch widmet sich daher der Frage, ob der Begriff des globalen Kapitalismus zur Beschreibung der Welt noch zutrifft. Die Unterbrechung der globalen Beziehungen erreicht heute eine neue Qualitat, die uber zyklische Krisen hinausgeht. Protektionismen und Embargoma nahmen bringen eine regelrechte Teilung der Welt hervor. Einem transatlantischen Block steht ein eurasisch-pazifischer Block gegenuber. Bemerkbar macht sich dies im Handel, im Kapitalverkehr, bei Reisen und Finanztransaktionen, aber auch im Kultur- und Wissenschaftsaustausch. Gleichzeitig kommt es zu neuen Zusammenschlussen im nicht-westlichen Teil der Welt, der uber die Institutionen des BRICS+ gemeinsame Interessen verfolgt. Fur die kommenden Jahrzehnte zeichnet sich ein "e;chinesisches Jahrhundert"e; ab in Anlehnung an die "e;Pax Britannica"e; des 19. Jahrhunderts und das "e;amerikanische Jahrhundert"e; nach dem Zweiten Weltkrieg. Gegen eine Fortsetzung der globalen Systemintegration unter chinesischer Steuerung spricht der Bedeutungsgewinn der Geopolitik gegenuber den Regeln der Kapitalverwertung. Die okonomische Rationalitat muss sich in Zeiten der zerfallenden westlichen Welt zunehmend dem politischen Primat fugen. Aus dieser Perspektive konnte das kapitalistische Weltsystem tatsachlich sein Ende erreicht haben.